Frage von Bodo: Müssten nicht gerade wir Ossis mehr Verständnis für die Ausländer in Deutschland aufbringen?
Als Ossi kann ich mich noch sehr gut an die Zeit vor und kurz nach der Wende erinnern.
Im Grenzgebiet aufgewachsen, war ich von Kindheit an damit konfrontiert, dass es da im Westen Leute gab, die sich für etwas besseres hielten, nur weil sie zufällig auf der anderen Seite des Zaunes großgeworden waren. Bei uns gab es viel Austausch zwischen Ost und West, weil die Grenze teilweise ganze Familie und Dörfer auseinandergerissen hatte.
Da gab es sehr nette Leute, die ihre Ostverwandten besuchten, aber auch solche, die mit grosser Überheblichkeit auf die Menschen in der DDR herabblickten. Es schien ihnen Spass zu machen, ihre Überlegenheit auszukosten und die ihrer Meinung nach “zurückgebliebenen” DDR-Bürger zu belehren und mit ihrem großspurigen Verhalten zu erniedrigen.
Auch in der Wendezeit machten viele Leute solche Erfahrungen. Noch heute werden in vielen Teilen Westdeutschlands zugezogene Ossis als minderwertig betrachtet. Nicht von allen. Aber immer noch von vielen.
Manche Ostdeutsche haben sich natürlich auch wie Idioten benommen. Oft habe ich mich dafür selbst geschämt. Aber sofort wurde von wenigen auf alle geschlossen und voreilig pauschalisiert.
All diese Erfahrungen haben sich in mir dauerhaft eingebrannt. Ich weiss genau, wie es sich anfühlt, als Mensch zweiter Klasse behandelt zu werden. Und weil ich das kenne, möchte ich nicht das Gleiche mit anderen machen.
Dass ich jetzt mit Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund arbeite, hat viel mit meiner eigenen Lebensgeschichte zu tun. Und ich glaube, einen guten Draht zu ihnen zu haben, weil sie spüren, dass ich einige ihrer Probleme vielleicht besser nachvollziehen kann als andere, die selbst noch nie so eine Abwertung aufgrund ihrer Herkunft erfahren haben.
Natürlich gibt es zwischen uns viele kulturelle Unterschiede. Aber diese Erfahrungen verbinden uns auch. Manches müssen sie mir nicht erst umständlich erklären. Ich verstehe es auch so.
Ich bin sowieso der Meinung, dass man mit ganz normalen menschlichen Gefühlen oft mehr erreichen kann als mit langatmigen gutgemeinten Politikerreden und dem Gefasel von politischer Korrektheit, Integration und sorgfältig geplanten pädagogischen Experimenten.
Warum treffen wir uns nicht einfach mal auf menschlicher Ebene, ganz unbefangen und ohne grosse Worte?
Ich habe auch schon als Kind gelernt, zwischen den schönen Worten und den unausgesprochenen Vorurteilen und der häufig mitschwingenden Arroganz und Überheblichkeit vieler selbstgerechter “Besserwessis” zu unterscheiden.
Kinder und Jugendliche haben dafür ein feines Gespür. Und genau wie es mich geprägt hat, wird es auch sie prägen, was ihnen jetzt widerfährt.
Nachtrag:
Wollte nur noch mal unterstreichen, dass ich nicht zu den Leuten gehöre, die am liebsten die Mauer wieder haben wollen. Und auch nicht zu den Ostalgie-Besessenen, die meinen, im Osten sei alles besser gewesen und im Ostteil lebten die “besseren Menschen”.
Mir geht es nur um diese Erfahrung der Ausgrenzung, des “Nichtdazugehörens”, des Andersseins. Und das kann eben nur jemand wirklich nachempfinden, der das selbst mal erlebt hat.
Hier in Berlin ist das zum Glück sowieso alles ganz bunt gemixt. Ich kenne liebe Menschen aus Ost und West, Süd und Nord und auch aus vielen anderen Ländern und Kulturen.
Und Arschlöcher gibt es auch überall.
Also ich will mit meiner Frage keinesfalls die Menschen im Westen beleidigen oder über einen Kamm scheren. Wenn es so geklungen haben sollte, tut es mir Leid. War nicht so gemeint.
@jogi57L
Was du da von deinen ausländischen Bekannten berichtest, habe ich auch schon erlebt. Manchmal verstehen die gar nicht, warum man sich um gesamtgesellschaftliche Themen so eine Rübe macht oder haben nicht allzuviel Verständnis für Gemeinsinn und soziales Engagement,aus dem man nicht unmittelbar einen persönlichen oder materiellen Vorteil zieht.Da hatte ich auch schon viele Diskussionen. Ich erkläre mir das so, dass in ihren Kulturen und Heimatländern oft jeder nur um sein eigenes Leben und das Überleben seiner Familie (Sippe) kämpfen muss, um nicht unterzugehen.Da gibt es ja oft überhaupt keine sozialen Netzwerke von staatlicher Seite.Wenn man sich zum Beispiel anschaut,wie erstaunlich viele Menschen in den USA sich gegen eine allgemeine Krankenversicherung aussprechen,wird dieser eklatante Mentalitätsunterschied ja mehr als deutlich.Was das betrifft,kann man zu Recht stolz auf Deutschland und die hiesigen sozialen Errungenschaften sein.
@Godwin
Also ich weiss ja nicht, von welcher Zeit du sprichst, aber in den 80iger Jahren war in unserem Ort ständig Besuch aus dem Westen. Und wir wohnten nur wenige Kilometer von der Grenze entfernt. Ich weiss nicht, wie es in der unmittelbaren “Sperrzone”, also in den Dörfern direkt an der Grenze war. Dahin durften wir ja auch nicht ohne spezielle Sondergenehmigung. Und womöglich durften zu Ulbrichts Zeiten auch noch niemand aus dem Westen in unseren Ort. Daran erinnere ich mich nicht mehr,weil ich damals noch zu klein war. Später aber kamen sogar sehr viele Besucher aus dem Westen.Vor allem Verwandte,aber auch Bekannte und Freunde. Ist also eine geschichtliche Tatsache und keine ausgedachte Geschichte…
Beste Antwort:
Answer by ultraviolet25
eigentlich kannst du dir deine frage schon selber beantworten, das hast du in deinem text auch schon getan.
also ich persönlich finde nicht, dass ossis mehr verständnis für ausländer aufbringen müssen, es kommt halt darauf an, wie alt man ist. wenn man wie du vor der wende gelebt hat, ja, denn etwas ähnliches hast du auch erlebt.
aber danach.. ich denke heute denkt da eh kaum einer mehr dran und jeder deutsche wird gleich behandelt, egal ob jetzt ossi oder wessi oder sonst was
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